Digitalisierung in Behörden -
Warum muss der Staat moderner werden?
Die Digitalisierung verändert unser Leben grundlegend. Während viele Bereiche wie Banken, Handel oder Medien längst digitale Standards erreicht haben, arbeiten öffentliche Verwaltungen häufig noch in Strukturen, die aus einer analogen Zeit stammen. Gleichzeitig steigen die Erwartungen der Bürger:innen, Sie wünschen sich schnelle, unkomplizierte und digitale Zugänge zu staatlichen Leistungen. Behörden stehen daher vor der Aufgabe, ihre Angebote und Prozesse neu zu denken und in die digitale Welt zu überführen. Diese Modernisierung ist nicht nur ein Komfortgewinn, sondern eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Notwendigkeit, besonders vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels.
Warum müssen Behörden digitaler werden?
Die öffentliche Verwaltung sieht sich mit einer Vielzahl von Herausforderungen konfrontiert. Einer der wichtigsten Treiber ist der demografische Wandel, In vielen Bereichen des öffentlichen Dienstes geht in den kommenden Jahren ein großer Teil der Beschäftigten in den Ruhestand. Gleichzeitig sinkt die Zahl junger Menschen, die diese Stellen nachbesetzen könnten. Ohne digitale Unterstützung können Behörden ihre Aufgaben künftig nicht mehr vollständig erfüllen.
Hinzu kommen steigende Erwartungen der Bevölkerung. Wer im Alltag Banking-Apps, Online-Shops oder digitale Terminplattformen nutzt, erwartet ähnliche einfache Prozesse auch im Kontakt mit dem Staat. Lange Wartezeiten, Formulare auf Papier und mangelnde Transparenz passen nicht mehr in eine digitalisierte Lebenswelt. Für Unternehmen gilt Gleiches, Sie benötigen schnelle Genehmigungen, automatisierte Verfahren und klare Kommunikation, um wirtschaftlich erfolgreich zu bleiben.
Welche Fortschritte gibt es bereits?
Trotz aller Kritik hat sich die öffentliche Verwaltung in den letzten Jahren deutlich weiterentwickelt. Viele Behörden führen die elektronische Akte ein, die den Papierverkehr ersetzt und intern für effizientere Abläufe sorgt. Auch digitale Fachverfahren erleichtern Mitarbeitenden die tägliche Arbeit und schaffen Transparenz über Vorgänge. Deutschland hat in diesem Zusammenhang wichtige Meilensteine erreicht: Mit der Einführung der E-Akte Bund wird die Papieraktenführung schrittweise ersetzt, und das elektronische Rechnungswesen reduziert Verwaltungsaufwand sowie Fehlerquoten. Viele Behörden nutzen inzwischen moderne Infrastruktur wie die Bundescloud, und durch das Onlinezugangsgesetz wurden bereits hunderte Dienstleistungen digitalisiert.
Parallel entstehen zunehmend nutzerfreundliche Online-Portale: Bürger:innen können beispielsweise Ummeldungen vornehmen, Elterngeld beantragen, BAföG digital einreichen oder mit Jobcentern über sichere Postfächer kommunizieren. Auch Führungszeugnisse, Melderegisterauszüge oder Bauanträge lassen sich heute online beantragen, während die elektronische Kommunikation zwischen Behörden stetig verbessert wird. Die Videoberatung hat sich ebenfalls etabliert: Sie spart Wege und ist insbesondere für Personen mit familiären Verpflichtungen, körperlichen Einschränkungen oder langen Anfahrtswegen ein großer Fortschritt.
Diese Entwicklung zeigt sich längst auch im Alltag: Digitale BAföG-Anträge, elektronische Bauanträge, Video-Beratung, Online-Terminportale oder E-Payment-Lösungen machen spürbar, dass die Modernisierung der Verwaltung nicht abstrakt bleibt, sondern konkrete Vorteile für die Menschen schafft.
E-Government in der EU

Bildquelle: Eurostat, dargestellt in: Statista (2021). So verbreitet ist E-Government in der EU.
Die Nutzung von E-Government ist in Europa zwischen 2010 und 2020 stark gestiegen. Spitzenreiter sind Dänemark, die Niederlande sowie Frankreich und Österreich, die 2020 bei rund 80–95 % liegen. Deutschland hat sich zwar verbessert (von etwa 40 % auf ca. 60 %), liegt aber im europäischen Vergleich weiterhin im Mittelfeld. Länder wie Spanien und Griechenland holen stark auf, während Italien niedrig bleibt. Insgesamt zeigt sich ein klarer Trend, Digitale Verwaltung wird europaweit immer bedeutender.
Das Once-Only-Prinzip - Ein Meilenstein moderner Verwaltung
Ein grundlegendes Ziel digitaler Verwaltung ist es, Doppelarbeit zu vermeiden. Heute müssen Bürger:innen ihre Daten bei verschiedenen Behörden häufig mehrfach angeben, beim Einwohnermeldeamt, bei der Familienkasse, bei Jobcentern oder Krankenkassen.
Das Once-Only-Prinzip soll dieses Problem lösen. Künftig sollen Daten einmal erfasst und anschließend, mit entsprechender Zustimmung, sicher zwischen Behörden ausgetauscht werden. Dies reduziert den Aufwand für Bürger:innen deutlich und entlastet gleichzeitig die Verwaltung. Voraussetzung dafür ist eine einheitliche Registerstruktur, die in Deutschland schrittweise aufgebaut wird. So wird Verwaltung nicht nur schneller, sondern auch nachhaltiger, weil redundante Arbeitsschritte entfallen.
Wie stehen die Parteien zur Digitalisierung?
- CDU/CSU: Setzt auf schnellere Verfahren, Bürokratieabbau und ein starkes Digitalministerium, das Standards vorgibt und Verwaltungsprozesse vereinheitlicht.
- SPD: Will digitale Verwaltung sozial gerecht, barrierefrei und nutzerfreundlich gestalten. Fokus auf Registermodernisierung, einheitliche IT-Standards und Abbau von Insellösungen.
- Grüne: Betonen europäische digitale Souveränität, Transparenz und nachhaltige Digitalisierung.
- FDP: Fokus auf vollständig digitale Prozesse, weniger Papier und konsequente Umsetzung des Once-Only-Prinzips.
- Die Linke: Betont digitale Infrastruktur als Daseinsvorsorge, fordert barrierefreie und sozial gerechte Angebote.
- AfD: Befürwortet Modernisierung, kritisiert aber fehlenden Digitalisierungsplan und warnt vor Zentralisierung.
Künstliche Intelligenz in Behörden - Unterstützung ja, Entscheidungsmacht nein
Künstliche Intelligenz wird in Behörden bereits eingesetzt, jedoch in klar begrenzten Bereichen. Dabei geht es vor allem um Unterstützung im Hintergrund, etwa beim automatischen Auslesen von Dokumenten, dem Vorsortieren von Informationen oder der intelligenten Verteilung von Anträgen. Diese Automatisierungen entlasten Mitarbeitende und verringern Fehlerquellen, ersetzen jedoch keine menschlichen Entscheidungen. Der Einsatz von KI zeigt deutlich, wie digitale Technologien Behörden effizienter machen können, Prozesse laufen schneller, standardisierter und nachvollziehbarer ab, während der Mensch dort verantwortlich bleibt, wo es um Beratung, individuelle Entscheidungen oder rechtliche Beurteilungen geht.
Vorteile für Bürger:innen, Unternehmen und Mitarbeitende
Die Digitalisierung bringt vielfältige Vorteile. Bürger:innen profitieren von schnelleren Entscheidungen, weniger Papier, ortsunabhängigen Anträgen und mehr Transparenz. Unternehmen erhalten verlässliche Prozesse, die ihre internen Abläufe entlasten und wirtschaftliche Planung erleichtern. Für Mitarbeitende entsteht ein moderner Arbeitsplatz mit weniger Routineaufgaben, besserer technischer Unterstützung sowie mehr Möglichkeiten für Homeoffice oder mobiles Arbeiten. Gleichzeitig verbessert sich die Beratungsqualität, weil mehr Zeit für persönliche Gespräche und komplexe Sachverhalte bleibt.
Gleichzeitig eröffnet der digitale Wandel neue berufliche Perspektiven. Bereiche wie Verwaltungsinformatik, Digitalisierungsmanagement, Datenanalyse oder Prozessgestaltung gewinnen an Bedeutung, und Behörden suchen gezielt junge Menschen, die digitale Kompetenz mit organisatorischem Verständnis verbinden. Auch für junge Bürger:innen selbst wird der Zugang zu staatlichen Leistungen einfacher: BAföG, Ummeldungen oder wichtige Dokumente lassen sich zunehmend vollständig online erledigen.
Herausforderungen auf dem Weg zur digitalen Verwaltung
Trotz vieler Fortschritte ist die Digitalisierung noch nicht flächendeckend umgesetzt. Zwischen Bundes-, Landes- und Kommunalverwaltung bestehen weiterhin große Unterschiede, und unterschiedliche IT-Systeme erschweren die Zusammenarbeit. Besonders deutlich wird das bei der veralteten Registerlandschaft, die das Once-Only-Prinzip blockiert und eine einheitliche Datenbasis verhindert. Erst moderne, kompatible Registerstrukturen können hier Abhilfe schaffen.
Der Weg dorthin bleibt anspruchsvoll. Die technische Modernisierung erfordert den Austausch alter Systeme durch sichere und leistungsfähige Lösungen, während Beschäftigte gleichzeitig umfassend geschult werden müssen, um neue Programme sicher anwenden zu können. Datenschutz und IT-Sicherheit haben dabei höchste Priorität, da Behörden besonders sensible Informationen verarbeiten. Gleichzeitig muss die digitale Verwaltung inklusiv gestaltet sein, auch Menschen ohne digitale Kenntnisse oder Geräte müssen weiterhin gleichberechtigten Zugang zu staatlichen Leistungen erhalten.
Erweiterte Perspektiven und Ausblick
Die Digitalisierung der Verwaltung wird sich in den kommenden Jahren weiter beschleunigen. Neben technischen Fortschritten rückt die organisatorische Modernisierung stärker in den Mittelpunkt, mehr Agilität, interdisziplinäre Teams und nutzerorientierte Prozesse. Europaweite Standards sollen grenzüberschreitende Behördengänge erleichtern. Digitale Identitäten, interoperable Systeme und automatisierte Abläufe werden dabei zentrale Bausteine sein. Auch Daten werden eine größere Rolle spielen, von Open Data über KI-gestützte Auswertung bis hin zur sicheren Verwaltung sensibler Informationen. Entscheidend bleibt, dass Bürger:innen Vertrauen in die staatliche Datenverarbeitung haben. Nicht zuletzt wird die qualifizierte Weiterbildung der Beschäftigten immer wichtiger. Nur durch kontinuierliche Kompetenzentwicklung können Behörden den digitalen Wandel nachhaltig gestalten.
Unsere Empfehlung
Podcast „Strg-Alt-Entf - Der Tech-Podcast des Bitkom”
In diesem Podcast beleuchten Expert:innen aktuelle Entwicklungen aus der digitalen Welt, darunter auch die Digitalisierung von Verwaltung und Behörden. Praxisnahe Beispiele, politische Perspektiven und technologische Trends machen deutlich, wie digitale Transformation in Deutschland voranschreitet und welche Chancen sowie Herausforderungen damit verbunden sind.
Wirtschaftsindizes verstehen
Digitalisierungsindex Behörden (DIB)
Der Digitalisierungsindex Behörden (DIB) ist ein fiktiver, börsenähnlicher Index, der den Fortschritt der Digitalisierung in öffentlichen Verwaltungen misst. Dabei werden verschiedene Faktoren wie digitale Dienstleistungen, IT-Infrastruktur, Nutzerfreundlichkeit und Innovationsgrad kombiniert, um einen Gesamtwert zu ermitteln. Aktuell liegt der DIB bei 62 Punkten, was zeigt, dass Deutschland im europäischen Vergleich im Mittelfeld liegt. Spitzenreiter wie Dänemark erreichen Werte zwischen 85 und 90 Punkten.
Die Entwicklung des Index ist steigend, da Online-Portale, die elektronische Akte und KI-Anwendungen die Verwaltung zunehmend modernisieren. Ähnlich wie beim DAX schwankt der DIB täglich, abhängig von neuen Fortschritten, gesetzlichen Maßnahmen und technischen Innovationen. Ein Wert von 62 zeigt, dass es bereits viele Fortschritte gibt, gleichzeitig aber noch deutliche Lücken bestehen, insbesondere bei der Interoperabilität.
