Warum schaffen es manche fast „wie selbstverständlich“ bis zur Hochschule, während andere trotz Talent immer wieder an unsichtbare Grenzen stoßen? 
Interview mit Dr. Markus Lörz und Dr. Jan Scharf vom DIPF | 
Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation

Herr Dr. Lörz, Herr Dr. Scharf, Sie arbeiten beide an Fragen sozialer Ungleichheit im Bildungssystem. Gab es einen Moment, der Ihr Interesse für dieses Forschungsfeld geweckt hat?

Markus Lörz: Das Thema ungleicher Bildungswege und die dabei bestehenden Bildungsbarrieren haben mich allein aufgrund der eigenen Geschichte bereits früh beschäftigt. Wenn man über den zweiten Bildungsweg ins Studium gelangt, dann wird einem schnell bewusst, dass es Situationen im Leben gibt, in denen die richtungsweisenden Entscheidungen getroffen werden, die im weiteren Verlauf nur über zeitaufwändige Umwege zu korrigieren sind. Im Studium wurde dieses Interesse um das Thema der Bildungsgerechtigkeit ergänzt und in verschiedenen Kursen theoretisch reflektiert und methodisch fundiert.

Jan Scharf: Ich habe mich vermutlich schon als Schüler, aber spätestens als Student gefragt, warum sich junge Menschen unterschiedliche Bildungsziele setzen, also ob sie das Abitur anstreben oder nachholen und wer sich für ein Studium entscheidet und wer nicht. Die ersten wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit diesen Fragen haben dann mein Interesse an Theorien und an Untersuchungsmethoden geweckt.

 

In Ihrem vielzitierten Beitrag „Die Illusion der Chancengleichheit auf dem Weg zur Hochschule“ argumentieren Sie, dass der Zugang zur Hochschulbildung trotz offenerer Systeme stark von der sozialen Herkunft geprägt bleibt. Warum ist diese „Illusion“ aus Ihrer Sicht so hartnäckig?

Lörz: Soziale Ungleichheiten entstehen nicht erst im Bildungssystem und es ist auch nicht so, dass formale Chancengleichheit innerhalb des Bildungssystems automatisch zu gleichen Chancen bei ungleichen Eingangsbedingungen führt. Soziale Ungleichheiten werden außerhalb des Bildungssystems in der Gesellschaft und Familie angelegt, was dazu führt, dass die Schüler*innen je nach sozialer Herkunft ganz unterschiedliche Eingangsbedingungen mitbringen und auf ihrem Bildungsweg unterschiedliche Unterstützung und Förderung von ihren Elternhäusern erfahren.

 

Mehrere Ihrer Studien zeigen, dass Ungleichheiten nicht erst beim Abitur oder Studium auftauchen, sondern schon früh im System gesetzt sind. Welche frühen Weichenstellungen haben sich aus Ihrer Forschung als besonders entscheidend erwiesen?

Scharf: Da wir in Deutschland ja ein sogenanntes stratifiziertes Bildungssystem haben – also mehrere parallele Schulformen in der Sekundarstufe – werden wichtige Weichen für den weiteren Bildungsverlauf schon spätestens zum Ende der Grundschule gestellt. Hier zeigt unsere Forschung, dass die soziale Herkunft an diesem Übergang, an dem die Kinder in den meisten Bundesländern erst rund 10 Jahre alt sind, eine besonders große Rolle spielt: Wir finden deutlich höhere Wahrscheinlichkeiten für den Wechsel auf ein Gymnasium, wenn mindestens ein Elternteil selbst (Fach-)Abitur hat. Auch wenn wir die soziale Herkunft über den beruflichen Status der Eltern abbilden, sehen wir diese Ungleichheit. Mit dem Schulbesuch direkt nach der Grundschule ist natürlich erst einmal noch nichts festgelegt, denn es ist ja möglich, die erste besuchte Schule zu wechseln oder das Abitur zum Beispiel an Gesamtschulen zu erreichen. Trotzdem hängen der frühe Übergang und Ungleichheit beim Bildungserwerb in Deutschland stark zusammen.

 

In aktuellen Arbeiten zu Übergängen in der Sekundarstufe und beim Abiturerwerb zeigen Sie, dass Kinder aus nichtgymnasialen Schulformen trotz guter Leistungen seltener das Abitur erreichen. Was verursacht diese „verdeckten Barrieren“?

Scharf: Nachdem wir jetzt besprochen haben, was während der Schulzeit und danach passiert, müssen wir hier unbedingt die frühkindliche Bildung nennen. Ungleichheiten in Bezug auf bildungsrelevante Kompetenzen entstehen bereits sehr früh.

Lörz: Unterschiedliche Kompetenzen sind eine zentrale Ursache für soziale Ungleichheiten am Übergang ins Gymnasium, aber diese Unterschiede bestehen nun, wie die aktuelle Forschung zeigt, bereits vor der Schule. Zudem führen bei der Frage des weiterführenden Bildungsweges unterschiedliche Einschätzungen der gymnasialen Erfolgsaussichten, der antizipierten Kosten und auch die von den Eltern angestrebten Bildungswege zu nach sozialer Herkunft divergierenden Bildungswegen.

Scharf: Zudem ist es wichtig zu erklären, welche Mechanismen den beschriebenen Effekten eigentlich zugrunde liegen. Ein Teil erklärt sich aus Ungleichheiten in den Schulleistungen, da mit einer höheren sozialen Herkunft im Durchschnitt auch höhere Kompetenzen verbunden sind. Gleichzeitig kommen hier aber verschiedene Bildungsentscheidungen ins Spiel. Nehmen wir beispielhaft zwei Kinder mit gleichen schulischen Leistungen zum Ende der Grundschule, aber unterschiedlichen Elternhäusern: In einer Akademikerfamilie etwa ist die Wahrscheinlichkeit gegenüber einer Familie mit geringerer formaler Bildung höher, sich anschließend für das Gymnasium zu entscheiden. Dies liegt unter anderem daran, dass sich Familien jeweils einen unterschiedlichen Nutzen aus höherer Bildung versprechen. Für manche sind – wie Markus Lörz schon angedeutet hat – bestimmte Abschlüsse wichtiger, zumal sie berufliche Aspirationen damit verbinden – und somit Fragen von Prestige und Einkommen.

 

Welche Übergänge - Grundschule, Sekundarstufe, Studium/Ausbildung – sind aus Ihrer Sicht die kritischsten, wenn es um die Verstärkung sozialer Unterschiede geht?

Lörz: Es hängt ein Stück weit davon ab, welche Ungleichheiten man betrachtet. Mit Blick auf die Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft lässt sich sagen, dass bei allen Übergangsentscheidungen Unterschiede nach sozialer Herkunft bestehen und das über die gesamte Bildungskarriere betrachtet. Dabei sind die frühen Übergänge (Übergang Grundschule/Sekundarstufe) aufgrund unseres sequentiellen und hierarchisch organisierten Bildungssystems natürlich einflussreicher.

 

Können Sie ein Beispiel aus Ihrer Forschung nennen, das zeigt, wie sehr außerschulische Faktoren den Bildungsweg beeinflussen?

Scharf: Ein wichtiger Faktor sind „signifikante Andere“, wie sie in der Bildungsforschung genannt werden. Das sind neben den Eltern ältere Geschwister, Menschen aus der Nachbarschaft, und natürlich die Peers in der Schule oder im Sportverein. Sie alle können, in die eine oder andere Richtung, Einfluss nehmen auf die Motivation, die Ambition. Sie können unterstützen, durchaus auch mit hilfreichen Ratschlägen, wenn wir an die sozialen Unterschiede bei Bildungsentscheidungen denken. Vielleicht ist die Nachbarin, die einen Bildungsaufstieg geschafft hat, ja ein gutes Beispiel, ein Vorbild?


Ein wichtiges Thema Ihrer Forschung ist die Rolle von Einstellungen, Erwartungen und „Belonging“. Wie beeinflussen diese Faktoren den Bildungserfolg, gerade für junge Menschen, die sich im System eher verloren fühlen?

Scharf: Das Zugehörigkeitsgefühl zur Schule ist ein wichtiger Faktor für schulischen Erfolg. Ich habe beispielsweise zum Phänomen der Schulentfremdung geforscht. Diese kann sich bei Einzelnen entwickeln, wenn sich negative Einstellungen gegenüber dem Lernen in der Schule und gegenüber Lehrkräften und den Mitschüler:innen verfestigen. Dann erleben sie eine Sinn- sowie Machtlosigkeit im Schulkontext und distanzieren sich von ihrer Rolle als Schüler:innen. Bei besonders starker Ausprägung können die Kinder und Jugendlichen ihr Potenzial so natürlich nicht ausschöpfen, sondern zeigen Tendenzen von sozialer Isolation im Schulalltag, stören vielleicht den Unterricht und partizipieren insgesamt weniger, mit negativen Folgen für ihre Leistungen und ihr Wohlbefinden.


Viele Ihrer Befunde zeigen: Entscheidungen wie „Studium oder Ausbildung?“ hängen stark vom Elternhaus ab. Was sollten Jugendliche wissen, um trotz unterschiedlicher Ausgangsbedingungen selbstbestimmt Entscheidungen treffen zu können?

Lörz: Bei der Frage, ob und was ich studiere beziehungsweise welchen Ausbildungsabschluss man anstrebt, sollte man sich in erster Linie an den eigenen und vom Elternhaus unabhängigen Interessen orientieren – denn dies ist insbesondere mit Blick auf die Frage, ob man dann das Studium oder die Ausbildung auch erfolgreich abschließen wird, ein sehr zentraler Punkt. Entscheidet man sich aufgrund der äußeren Bedingungen etwa für ein Studienfach, welches nicht den eigenen Interessen entspricht, so wird sich das über kurz oder lang auf die Zufriedenheit und die tatsächlichen Leistungen auswirken.


Welche Erkenntnisse haben Sie in Ihrer Forschung darüber gewonnen, wie Migrationserfahrungen oder sprachliche Hintergründe Bildungswege beeinflussen und wo die größten Chancen für Verbesserung liegen?

Scharf: Selbstverständlich sind sprachliche Kompetenzen für die Bildungswege aller Kinder wichtig – ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Im Zusammenhang mit Migrationserfahrungen möchte ich gerne auf ein anderes spannendes Forschungsergebnis verweisen, dass sich in vielen Ländern nachweisen ließ: Familien mit Migrationserfahrungen haben häufig sehr hohe Bildungsaspirationen, die Eltern an ihre Kinder weitergeben. Dies wird unter anderem zurückgeführt auf die große Chance, die Bildung für ihre Integration und Teilhabe in der Gesellschaft bietet, und das Ziel, auf diese Weise einen besseren sozialen und ökonomischen Status zu erlangen. Diese Aspirationen wurden insbesondere für nachschulische Bildungsentscheidungen beobachtet, da überdurchschnittlich häufig ein Hochschulstudium angestrebt wird.


Wenn Sie eine zentrale Erkenntnis aus Ihren Publikationen und Projekten sofort in die Bildungspolitik übersetzen könnten, welche wäre das?

Scharf: Bisher habe ich vor allem dazu geforscht, wie Bildungsungleichheiten

entstehen. Wenn ich jetzt eine Maßnahme aus meiner Arbeit ableiten sollte, würde ich sagen: Die Bildungsangebote, ob in Schule oder außerschulisch, müssen auf die verschiedenen Bedingungen, unter denen Kinder in Deutschland aufwachsen – welchen Wert hat Bildung zu Hause, wie viel wird gelesen, wie stark können die Eltern unterstützen – gezielt eingehen können, um allen die gleiche Bildung zu ermöglichen. In diesem Jahr werden wir allerdings aus einem Projekt konkrete Befunde zum Abbau von Bildungsbarrieren präsentieren können. 

Lörz: Eine zentrale Erkenntnis aus Lebensverlaufperspektive ist, dass immer dann, wenn Bildungsentscheidungen zu treffen sind, Bildungsungleichheiten entstehen. Das hat sich sehr deutlich bei der Einführung einer zusätzlichen Selektionsstufe zwischen Bachelor und Master gezeigt – vielleicht wäre es ein Weg, in Deutschland über ein Bildungssystem nachzudenken, in welchem weniger folgenreiche Bildungsentscheidungen zu treffen sind. Des Weiteren hat sich aus Kohortenperspektive gezeigt, dass immer dann, wenn sich durch Reformen oder Krisen die Rahmenbedingungen für den Bildungserwerb verändern, es meist die privilegierten Gruppen sind, die eher und schneller mit der veränderten Situation umgehen können. Es wäre daher für künftige Entwicklungen wichtig, diese Erkenntnis auf dem Schirm zu haben, und bei der nächsten Finanz- oder Gesundheitskrise daran zu denken, welche Gruppen hiervon möglicherweise stärker betroffen sind. Denn in solchen Phasen verstärken sich in der Regel auch die Bildungsungleichheiten.


Wie könnte ein Bildungssystem aussehen, das jungen Menschen unabhängig von Herkunft und Wohnort gleiche Chancen bietet?

Scharf: Es würde frühzeitig auf individuelle Förderung setzen und nicht zuletzt auf eine gute Abstimmung verschiedener Bildungsbereiche und Bildungsangebote, denn gute und gerechte Bildung bezieht die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen mit ein, die weit über Schulunterricht hinausgeht.

Lörz: Zudem müsste man auch über die aktuellen Regelungen an den entscheidenden Statuspassagen innerhalb des Bildungssystems nachdenken. Da die zentrale Weichenstellung in der Schule stattfindet, müsste man insbesondere an dieser Stelle ansetzen. Mit Blick auf die empirischen Ergebnisse würde es sich beispielsweise anbieten, die Diskussion um die Verbindlichkeit der Schulformempfehlung durch die Lehrer:innen erneut aufzugreifen, denn wie unsere Analysen zeigen, entsteht ein nennenswerter Teil der sozialen Ungleichheiten durch den Elterneinfluss und unterschiedliche Bildungsentscheidungen und nicht durch ein diskriminierendes Lehrer:innenverhalten. 


Zum Schluss: Welchen Rat würden Sie Jugendlichen geben, die sich im Bildungssystem benachteiligt fühlen und dennoch ihren Weg gehen wollen?

Lörz: Versucht herauszufinden, was eure eigenen Interessen sind, und orientiert euch daran. Nehmt auch die Möglichkeit unseres Bildungssystems wahr, eine eingangs getroffene Bildungsentscheidung im weiteren Verlauf zugunsten eurer Interessen und Stärken zu korrigieren und feinzujustieren. 

Scharf: An die eigenen Stärken glauben und die persönlichen Ziele verfolgen. Bildung ist eine sehr wichtige Investition in die Zukunft, denn trotz hartnäckiger Ungleichheit gibt es auch immer soziale Aufstiege durch Bildung – über den eigenen individuellen Bildungsweg sagen Wahrscheinlichkeiten, wie wir sie hier besprochen haben, nichts aus.

Unsere Empfehlung

Podcast „Sitzenbleiben“ – Der Bildungspodcast vom DIPF

In der Podcastreihe Sitzenbleiben beschäftigt sich das DIPF mit Themen der Bildungsforschung. Die einzelnen Folgen greifen unterschiedliche Fragestellungen auf, darunter soziale Ungleichheit im Bildungssystem, frühe Bildungsentscheidungen, Schulübergänge sowie Aspekte von Chancengerechtigkeit und Bildungszugang. Ziel ist es, aktuelle bildungswissenschaftliche Themen sachlich darzustellen und verständlich aufzubereiten.

Wirtschaftsindizes verstehen

Chancenindex

Der Chancenindex ist ein bereits diskutiertes bildungspolitisches Instrument, das zeigen soll, wie fair Bildungschancen verteilt sind. Er macht sichtbar, unter welchen Bedingungen Kinder und Jugendliche lernen, zum Beispiel abhängig vom Bildungsstand der Eltern, vom Einkommen oder von sprachlichen Voraussetzungen.

 

Die Idee dahinter: Nicht alle starten mit den gleichen Voraussetzungen, also sollten Schulen auch nicht gleichbehandelt werden. Dort, wo der Chancenindex einen höheren Unterstützungsbedarf zeigt, sollen mehr Ressourcen ankommen, etwa zusätzliche Lehrkräfte, Förderangebote oder soziale Unterstützung.

 

Der Chancenindex wird unter anderem in der Bildungsdebatte in Deutschland und Österreich aufgegriffen. Er steht für einen Perspektivwechsel: weg vom Prinzip „alle bekommen gleich viel“ hin zu „alle bekommen, was sie brauchen“.

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